Raupen

Das «Würmli» mit ins Boot nehmen

«Ich pack’s» – wie persönliche Erziehungsziele im Alltag mit Leichtigkeit umgesetzt werden. Yvonne Küttel regt beim Vortrag der Primarschule Balgach an, positiv zu denken.
«Ist es nicht ein Wahnsinn, wie oft wir uns im Alltag negativ formulieren», fragt sich Yvonne Küttel im Anschluss an den Vortrag der Primarschule Balgach im Gespräch selber. Dabei könnten wir unseren Alltag mit positiven Signalen bewusst erfreulicher gestalten. Die Meinung, dass die Willenskraft etwas mit Anstrengung zu tun hat und man sich bemühen soll, etwas zu erreichen, ist veraltet. Nach heutiger Sicht entsteht die Willenskraft durch die Synchronisierung von bewussten und unbewussten Steuerungssystemen. Jeder Mensch hat zwei Steuerungssysteme.

Gedächtnis und Verstand

Das Erfahrungsgedächtnis, das Erlebtes bereits im Mutterleib aufnimmt sowie der Verstand. Ersteres ist schnell und emotional. Der Verstand hingegen arbeitet bewusst langsam. Das Bewertungssystem des Verstandes ist logisch: Es heisst richtig oder falsch. Das Erfahrungsgedächtnis ist das Unbewusste, hat diffuse Gefühle und ist averbal. Das Unbewusste arbeitet ausserhalb der bewussten Wahrnehmung. Wenn wir einen Entscheid treffen müssen – zum Beispiel, ob wir uns mit der Nachbarin auf einen Kaffee treffen oder lernen wollen, laufen in unserem Hirn die möglichen Szenarien wie in einem Film ab. Dann bekommen wir eine Bewertung des Filmes in Form eines Körpersignals oder eines Gefühls. Das ist der sogenannte somatische Marker.

Oft hat das «Würmli» keinen Spass

Diese können wir zum Beispiel beim Empfangen der E-Mails verspüren. Wenn wir nur die Adresse anschauen, ohne die Post selber zu öffnen, dann haben wir sofort ein Gefühl, das uns sagt: «Oh, schön» oder «Nein, nicht schon wieder». Diese somatischen Marker treten innerhalb von 200 bis 300 Millisekunden auf. Sie sind ein wahres Wunderwerk der Informationsverarbeitung. Für erfolgreiche Zielumsetzungen ist ein positives Haltungsgefühl wichtig. Dieses sollte in einer Skala zwischen 0 und 100 bei 70plus stehen, so Yvonne Küttel. Wenn man sich etwas vorgenommen hat, kann man das auf zwei Arten tun: selbst regulierend und selbst kontrollierend. Selbstregulierung ist dann gegeben, wenn das «Würmli» etwas freiwillig macht. Oft aber hat das «Würmli» keinen Spass. Ein Ziel nur mit Disziplin zu erreichen ist schwierig. Egal, ob es darum geht, mehr für die Gesundheit zu tun, oder die Kinder mit positiven Signalen zu motivieren, so die ehemalige Lehrerin lic.phil. Pädagogische Psychologie, Sozial- und Präventivmedizin.

Den Wurm an die Kette legen

Ein Beispiel: Feiert Frau oder Mann den 50. Geburtstag, sollte eine Darmspiegelung vorgenommen werden, um das Krebsrisiko zu minimieren. Das Gefühl sagt: Nein Danke– das brauche ich nicht. Doch wie gelingt es, durch den Verstand den Wurm an die Kette zu legen? In solchen Situationen muss man das «Würmli» zwingen, etwas zu machen, was es nicht gern macht. Einer der Gegenmittel sind Wenn-Dann-Pläne. Was, wenn die Tochter auf die anstehende Prüfung nicht lernen will? Wichtig ist es als Elternteil auf solche Situationen vorbereitet zu sein und den «Wenn-Dann-Plan» für eine nachhaltige Umsetzung von Zielen einzusetzen. Wenn dieser erfreulich formuliert wird, ist die Wahrscheinlichkeit dass das Ziel erreicht wird gross. Ein möglicher Wenn-Dann-Plan ist zum Beispiel: «Wenn meine Tochter für die anstehende Prüfung nicht lernen will, dann biete ich ihr meine Hilfe an.» Ihre Ziele in Willenskraft zu bringen, versuchten die anwesenden Eltern und Interessierte gleich vor Ort und stellten diese dann den anderen Anwesenden vor. Noch lange wurde beim Apéro über Strategien zur Vorbereitung von Wenn-Dann-Plänen diskutiert. Und wenn die definitive Umsetzung auch viel Willenskraft erfordert, die Interessierten nahmen zwei Dinge mit: Ein positives Gefühl und ein «Würmli».

Andrea Kobler