Raupen

Eine Schule schwimmt obenauf

Schulschwimmen gilt vielerorten als Sorgenkind. Ganz anders in Balgach. Bereits die Drittklässler schwimmen einen Kilometer. Im Lehrplan steht das nicht.
Ende Schuljahr, die langen Ferien nahen, die Kinder schulmüde - und dann heisst es: Jetzt schwimmen wir noch den Kilometer! 1000 Meter Beinschläge, 1000 Meter Armzüge! Bewusst gelaufen sind wir das vermutlich schon alle, die Schritte zählend, als Veranschaulichung des Tausendfachen eines Meters und damit unvergesslicher Meilenstein des Mathematikunterrichtes - aber mit dem Gesicht nach unten im Nass gleitend? Was etwas nach östlich angehauchtem Sportdrill tönt und manch einen Elternteil in der Badehose alt aussehen lassen würde, ist für die Balgacher Dritt- bis Sechstklässler eine Selbstverständlichkeit.

Seit Gaby Reich das Schwimmzepter übernommen hat, machen das alle, ausnahmslos. Das war vor fünf Jahren. Die erfahrene Präsidentin des dorfeigenen Schwimmclubs wollte nicht nur formale Techniken schulen, sondern auch die Persönlichkeit.

Sie erlebt mit, wie die Kinder zum ersten Mal den Kopf ganz untertauchen, Wassergewöhnung heisst das, bis hin zum fortgeschrittenen Brust- und Kraulschwimmen. Wer einmal ein sich an einen Erwachsenen festklammerndes Kind gesehen hat, kann die Furcht vor dem Ertrinken nur erahnen. Die vielzitierte Angst des Tormannes vor dem Elfmeter ist dagegen für einmal nichts. Schwimmen lernen ist eine grosse Sache, und der Kilometer die Krönung. Wer das packe, wisse nachher, dass er nie mehr untergehen könne, sagt die Mutter zweier Söhne. Der Kilometerschwumm als ultimative Stärkung des Selbstbewusstseins.

Auch dieses Jahr haben es alle „Bergler" und „Breitler" wieder geschafft. 160 Schüler und Schülerinnen sind die 40 Längen tapfer geschwommen, die schnellsten in 20 Minuten, die langsamsten in 70.

Eine Leistung, die vom Kanton nicht verlangt wird. Bis Ende Unterstufe muss jeder Schüler lediglich den Wassersicherheitscheck (WSC) bestehen. Dieser beinhaltet drei Ziele: ins Wasser purzeln, sich darin 1 Minute an Ort halten können und 50 Meter schwimmen. 

In Balgach schaffen dies die meisten Erstklässler bereits, sagt Gaby Reich. Ab zweitem Kindergartenjahr geht es in der dritten Sportstunde ins Hallenbad. Nicht erst seit der vor drei Jahren verabschiedeten Weisung. Schulschwimmen hat hier seit der 1974 erbauten Sportanlage Riet Tradition.

Sicherheit geht vor: Ein Kind, das nicht genug wassersicher sei, würde sie nie so lange schwimmen lassen, sagt Gaby Reich. Die Kinder wüssten auch genau, dass sie so oder so eine gute Note bekommen würden. Allein das Durchhalten belohne sie grosszügig.

Im Unterricht anwesend ist immer auch die Klassenlehrperson, welche zwingend über ein Rettungsschwimmbrevet (SLRG) und einen CPR-Ausweis (neu BLS-AED, also Herz-Kreislaufnotfälle) verfügen muss. Schulleiter Christof Bicker weist zudem darauf hin, dass seit einigen Jahren jeder Balger Schüler ein Gratishallenbadabo erhält. Der Schulrat beabsichtige so, die Eltern stärker ins Schulschwimmen einzubinden und sie, zusammen mit ihren Kindern, zu mehr Besuchen in der Freizeit zu motivieren.

Balgach gehört zu den privilegierten Schulgemeinden, die die gestellten Bildungsziele locker erreichen kann. Die erst in den letzten Jahren erfolgte Aufwertung des Schulschwimmens stellt Gemeinden ohne eigenes Hallenbad vor Probleme, wie eine kürzlich publizierte Studie festhält (siehe Tagblatt vom 23.Mai)  

St.Margrethen, zum Beispiel. Seit drei Jahren reisen die Primarschüler während neun Wochen mit Bahn und Bus an, um die Standards im Schulschwimmen erreichen zu können. Eine aufwendige Sache, beurteilt Schulleiter Michel Bawidamann. Den  WSC bestünde der Grossteil Ende zweiter Klasse, die Möglichkeit einer Wiederholung bestehe ein Jahr später. Wer durchfällt, muss ab neuem Schuljahr zur Nachhilfe ins Strandbad Bruggerhorn. Ebenfalls eine Weisung des Erziehungsrates, die im Schwimmen eine wichtige „Kulturtechnik" mit verbindlichen Lernzielen sieht.  

St.Margrethen zählt damit wie Balgach zu den 70 Prozent aller St.Galler Gemeinden, die regelmässig Schwimmunterricht anbieten können. Der Rest musste ihn bisher sausen lassen (rund 10 Prozent) oder auf Schönwetter für den Besuch eines Freibades hoffen.

Au wechselt aufs neue Schuljahr hin den Schwimm-Status. Wie das ebenfalls zur Schulgemeinde gehörende Dorf Heerbrugg fahren bald auch alle Auer Schüler ins Balgacher Riet, um im bewährten Nass die physikalischen Gesetze von Schweben und Auftrieb am eigenen Leib erfahren zu können.

Maya Schmid-Egert, "Der Rheintaler, 10.7.2014