Raupen

"Kinder sind heute nicht anders"

Er ist Primarlehrer in Balgach und Regisseur beim Nostalgietheater. Dass er diese beiden Rollen nicht als Gegensätze empfindet und wie er sie jeweils ausfüllt, darüber spricht Willy Hutter aus Anlass seiner bevorstehenden Pension.
Willy Hutter, Ende Schuljahr gehen Sie in Pension. Sind Sie reif?
Willy Hutter: Ich profitiere noch vom alten Reglement und kann mit 63 Jahren aufhören. Ich möchte die sechste Klasse fertig machen und keine neue mehr übernehmen. Solange die Leute sagen, «Du gehst schon in Pension», ist es gut für mich.

Seit wann sind Sie Primarlehrer?
Hutter: Meine erste Stelle trat ich 1970 an. Damals hatte ich das gleiche Schulzimmer wie heute. Zwischendurch war ich drei Jahre in Rio in Brasilien und zehn Jahre in Heiden. Seit 26 Jahren bin ich wieder in Balgach.

Warum entschieden Sie sich Ende der 60er-Jahre, Lehrer zu werden?
Hutter: Das war in der Primarschule. Der Lehrerberuf hat mich schon früh fasziniert, obwohl ich nicht so gerne in die Schule ging.

Wollten Sie es besser machen?
Hutter: Das trifft sicher zu. Bis heute decken sich einige meiner Hobbies mit den Aufgaben in der Schule.

Die da wären?
Hutter: Musik, Theater, Sprache.

Sind Sie beim Theaterspielen der, der Sie als Lehrer nicht sein dürfen?
Hutter: Ich spiele nicht Theater. Und wenn, dann eher im Schulzimmer. Beim Nostalgietheater Balgach mache ich Regie.

Wie sind Sie dazu gekommen?
Hutter: Es war 1991. Ich war gerade wieder in Balgach. Damals sprach mich Gemeindepräsident Noldi Ruppanner für die Gesamtleitung des Festspiels zur 1100-Jahr-Feier von Balgach an. Etwas blauäugig sagte ich zu.

Warum war das blauäugig?
Hutter: Ich war unerfahren und musste erst lernen, bei solch einem grossen Projekt mit rund 250 Beteiligten Regie zu führen. Die Arbeit machte mir Spass. Ein paar Jahre später wirkte ich dann zum ersten Mal als Regisseur bei einem Volksstück mit.

Erinnern Sie sich an den Titel?
Hutter: Es war ein «himmeltrauriges» Stück: «Der Schmid von Balgach». Es handelte von einem Kriegsheimkehrer, dessen Frau wieder geheiratet hatte. Er galt als verschollen. Die Zuschauer weinten. Es war ein Erfolg.

Daraus entstand das Nostalgietheater?
Hutter: Ja, aber ich wollte musikalische Stücke aufführen und bildete mich an Regiekursen und autodidaktisch weiter. Dazu nahm ich mir Profis zum Vorbild. Unserem Verein ist es wichtig, die Stücke möglichst originalgetreu zu präsentieren. Das Publikum soll das bekommen, was es erwartet, wenn es den Namen hört.

Ist der Lehrer Willy Hutter ein anderer als der Regisseur Hutter?
Hutter: Nein, manchmal glaube ich, eine Probe ist wie eine Schulstunde. Ich bereite beide genauso vor.

Sind Sie der Leader-Typ?
Hutter: Eher nicht. Eine Führungsaufgabe kann und mag ich nur übernehmen, wenn mich etwas interessiert. Ich nehme die Leiterrolle in Kauf, damit ich meine Begeisterung für eine Sache teilen und verbreiten kann.

Ist es heute eine grössere Herausforderung, Kinder zu unterrichten als vor 30 Jahren?
Hutter: Ich spüre, mein Akku ist schneller entladen und ich brauche mehr Erholungszeiten. Das führe ich aber auf das Alter zurück. Die Kinder sind nicht anstrengender geworden.

Diese Einschätzung entspricht nicht die derjenigen der Mehrheit.
Hutter: Die Kinder verbringen heute ihre Freizeit anders. Es ist komplizierter geworden, ihre Anprüche zu erfüllen. Früher waren sie phantasievoller und belastbarer. Manchmal muss ich ein Thomas Gottschalk sein, um die Schüler zu motivieren. Auch haben die heutigen Eltern unterschiedliche Ansichten zu den Erziehungsstilen.

Ist mangelnde Disziplin kein Problem für Sie?
Hutter: Ich erlitt selbst in der Schule Körperstrafen. Mir war von Anfang an klar, ich werde ein Kind nie schlagen und setze Disziplin anders durch. Ich habe immer versucht, ein Vertrauensverhältnis zur Klasse aufzubauen.

Waren Sie jemals ein Burnout- Kandidat?
Hutter: Ich habe mich schon gefragt, ob es mich treffen wird und wie ich es beeinflussen kann. Ich blieb verschont, kenne aber beroffene Lehrkräfte.

Was ist die grösste Veränderung in der Institution Schule?
Hutter: Blockzeiten, Fremdsprachenunterricht, Fünftagewoche, geleitete Schule, Teamarbeit, neue Unterrichtsmedien. Ein Beispiel: 1970 war die Schule ein Vorbild des Sparens. Bleistiftstummel wurden mit Röhrchen verlängert und kopiert werden durfte nur das Allernötigste. Eine Prüfung bestand aus ein paar Aufgaben, die an die Wandtafel geschrieben wurden. Heute umfasst sie mehrere Seiten. Ich gestalte sie am PC grafisch und arbeite heraus, welche Lernziele erreicht werden sollen.

Sind für Sie die neuen Medien kein Segen?
Hutter: Sie haben keine zeitliche Ersparnis gebracht, sie bedeuten Mehrarbeit und beschleunigte Abläufe. Sie haben aber auch vieles vereinfacht und bieten Möglichkeiten, den Unterricht zeitgemäss zu gestalten.

Was waren Tief- und Höhepunkt ihrer Zeit als Lehrer?
Hutter: Ein echtes Tief hatte ich nicht, ebenso wurde keiner meiner Schüler Bundesrat. In Heiden unterrichtete ich eine schwierige erste Klasse. Damals war ich nach der Schule ausgebrannt. Ich entschied mich wieder für die Mittelstufe - die Altersgruppe, die mich am meisten fasziniert. Schöne Erinnerungen habe ich an Rio. Das war eine kreative und erlebnisreiche Zeit.

Ab Sommer sind Sie nicht mehr Lehrer. Was werden Sie vermissen?
Hutter: Die Arbeit mit den Kindern, das Unterrichten, meine Kollegen, nicht aber die zeitraubenden Rahmenaktivitäten. Vielleicht verlagere ich mich auf die Arbeit mit Erwachsenen. Ich freue mich auf die Freiheit im Kopf. Als Bub kamen mir die besten Ideen, wenn mir langweilig war. Darauf verlasse ich mich. Langeweile hatte ich lange nicht mehr.

"Der Rheintaler", 12. Juni 2013
Interview: Monika von der Linden