Raupen

"Wir wollten keine Panik auslösen"

Letzte Woche veröffentlichte Schulleiter Christof Bicker in der Balgacher Schulzeitung den Artikel «Komische Gestalten». Er warnt darin vor fremden Personen, die Kinder auf der Strasse ansprechen oder fotografieren.
Herr Bicker, in Balgach sollen «komische Gestalten», wie Sie sie nennen, Kinder auf dem Schulweg fotografieren. Woher haben Sie diese Information?
Christof Bicker: Ich erhielt im Januar vor den Sportferien drei bis vier Hinweise von Eltern, die sich direkt an mich oder an Lehrpersonen gewandt haben. Balgach ist nicht die einzige Gemeinde im Rheintal, die davon betroffen ist. Wir kennen solche Themen, man muss Kinder und Eltern ernst nehmen und informieren.

Also gab es schon einmal einen solchen Vorfall in Balgach?
Bicker: Vor zwei Jahren gab es Meldungen über einen Exhibitionisten, der sich vor den Kindern entblösste. Diese Vorfälle hörten jedoch abrupt auf.

Haben Sie die Polizei informiert?
Bicker: Nein, es ist nicht einfach, Anzeige zu erstatten, wenn man nur davon gehört hat. Natürlich gibt es eine Aktennotiz, aber alles Weitere ist schwierig. Als Schule können wir sowieso nichts anderes tun, als mit den Eltern und Kindern zu kommunizieren und sie für dieses Thema zu sensibilisieren.

War der Artikel in der Schulzeitung die einzige Massnahme?
Bicker: Nein, wir haben zusätzlich klassenweise Schüler informiert und ihnen Ratschläge der schweizerischen Kriminalprävention erteilt - die übrigens auch im Artikel enthalten sind. Auf Elternbriefe habe ich verzichtet, weil ich sonst unnötig Panik geschürt hätte.Bei einem solchen Thema könnte man meinen, Panik sei berechtigt.

Bei einem solchen Thema könnte man meinen, Panik sei berechtigt.
Bicker: Schon, aber man darf nicht vergessen, dass es keinen wirklich schlimmen Vorfall in Balgach gegeben hat. Momentan erhalte ich auch keine Meldungen von Eltern mehr. Das liegt vielleicht auch daran, dass es wieder Frühling wird: Es ist länger hell und es hat mehr Leute auf der Strasse.

Die Meldungen von Eltern entsprechen aber schon der Wahrheit, oder?
Bicker: Grundsätzlich schon. Natürlich gab es auch Anrufe mit Schauermärchen, die von einem Mann in einem grossen, schwarzen Mercedes mit getönten Scheiben berichteten und somit ein Klischee bedienten. Trotzdem müssen wir auch diese Mitteilungen ernst nehmen. Sie haben einen wahren Kern.

Panik schüren wollen Sie nicht, Prävention ist Ihnen aber wichtig. Was raten Sie Eltern und Schülern für den Schulweg?
Bicker: Ich finde es wichtig, dass Schüler den Schulweg gemeinsam zurücklegen; aber das machen ja die meisten automatisch. Die Kinder sollen sich auch kritisch gegenüber Erwachsenen verhalten und sich bewusst von Fremden abgrenzen können. Gerade Letzteres fällt leider vielen schwer. Ein Kind muss zudem immer mit einem Elternteil oder der Lehrperson über einen Vorfall - sei es etwas Schlimmes oder Gutes - sprechen können, ohne Angst zu haben oder sich zu schämen.

Prävention kommt also zu einem grossen Teil von zu Hause.
Bicker: Auf jeden Fall. Man muss die Kinder für diese Themen sensibilisieren, auch heute noch. Komische Gestalten gab es schon immer; ob sie gefährlich sind oder nicht, kann man meist nicht auf den ersten Blick abschätzen.

"Der Rheintaler", 7. März 2013
Interview: Seraina Hess