Raupen

Tempo 30

Trotz Tempo-30-Zone fahren am Kindergarten Mühlacker viele Autofahrer zu schnell vorbei. Zur Stosszeit gestern Mittag hielt ein Verkehrspolizist alle Lenker an. Es gab keine Bussen, sondern Schokolade von den betroffenen Kindern.
Gestern in der Mittagszeit in Balgach: 17 Kindergartenkinder gehen durch die Mühlackerstrasse. Diesmal werden sie nicht nur von ihren Kindergärtnerinnen begleitet, sondern auch von Verkehrspolizist Walter Mittelholzer. «Was macht eine Kindergartengruppe um diese Zeit auf der Strasse, sollten sie nicht längst zu Hause sein?» Diese Frage stellten sich die Autofahrer, die gestern in dem Quartier unterwegs waren. Die Antwort gaben die Kinder selber – mit einem Flyer, versüsst durch Schokolade: «Tempo 30 – Stop – Nimm din Fuess vom Gas, brems für üs, denn das macht Spass. Danke».

Blickkontakt sensibilisiert

Die Reaktionen der Autofahrer auf diese kleine Aufmerksamkeit waren vielfältig. Die meisten zeigten sich erleichtert, dass kein Unfall passiert war. Manchen wurde erst in diesem Moment bewusst, dass sie in einer Tempo-30-Zone unterwegs waren. Aber niemand ärgerte sich, vom Polizisten angehalten worden zu sein und ihre Fahrt unterbrechen zu müssen. Freundlich liessen alle die Fensterscheibe herunter, blickten den Kindergärtlern in die Augen und belohnten deren Mut mit einem dankbaren Lächeln. Es gab auch weniger Löbliches zu beobachten. Viele Lenker waren zum Beispiel nicht angeschnallt oder fuhren zu schnell. «Es nervt mich, dass viele achtlos sind, wenn sie durch eine Tempo-30-Zone fahren», begründete Schulratspräsident Reto Wambach diese aussergewöhnliche Aktion. Er unterstelle keine böse Absicht, aber Unachtsamkeit könne auch einen Unfall zur Folge haben. Er möchte Akzente setzen und sensibilisieren, bevor es zu einer Katastrophe komme. An der Gerbe-Kreuzung habe es erst zu spät eine Ampel gegeben. Wambach erhofft sich vom direkten Kontakt zwischen Kindern und Autofahren, dass die Aktion in Erinnerung bleibt. Er wünscht sich ausserdem, dass der Durchgangsverkehr die Hauptstrasse nutzen soll und nicht den Schleichweg über eine Quartierstrasse wählt.


Trotz Schwellen zu schnell

Robert Quauka benutzt regelmässig diese Strecke, weil sein Arbeitsweg durch dieses Wohnquartier führt. Er schalte den Tempomat ein, um mehr auf den Verkehr achten zu können, sagte er. Quauka begrüsst die Tempo-30-Zone und die Aktion vom Kindergarten Mühlacker. Ihn stören aber die Bodenschwellen, bemängelte er. Gäbe es mehr Kontrollen, wären sie überflüssig. Etwa 100 Fahrzeuge zählte Reto Wambach gestern Mittag. Er war zufrieden und hofft nun, die Erfahrungen bleiben den Fahrerinnen und Fahrern in Erinnerung.
Walter Mittelholzer unterstützte diese Aktion gerne. Die Kinder waren nun auch einmal zur Stosszeit unterwegs. Er sei überzeugt, den Tag werden sie nie vergessen. Zum Abschluss lobte Walter Mittelholzer die Kinder, weil sie toll mitmachten. Gleichzeitig erinnerte er daran, dass es eine einmalige Aktion war. Der Platz der Kinder sei auf dem Trottoir und nicht auf der Strasse.

 

Monika von der Linden, "Der Rheintaler", 18.2.2012