Raupen

Lernen in virtuosen Kreisen

Am 6. Mai gastierte der Neurowissenschafter Manfred Spitzer im Rheintal. Zusammen mit 500 anderen Interessierten verfolgten die Balgacher Lehrkräfte, Behördemitglieder und Spielgruppenleiterinnen das spannende Referat an der Kantonsschule. Aus Sicht des Primarschulrats sind die Erläuterungen des Ulmer Professors für das Lernen zentral.

Am Anfang stand die Synapse

Synapsen sind Kontaktstellen zwischen Nervenfortsätzen. Dank Rheintaler Spitzentechnologie können Wissenschaftler heute eindeutig nachweisen, dass diese wichtigen Verbindungsstellen durch den Gebrauch (Lernen) wachsen. Es entstehen Trampelpfade für Informationen, welche zu Autobahnen ausgebaut werden, wenn diese wieder und wieder benutzt werden.
Sollen Kinder erfolgreich sein, muss ihnen möglichst früh eine anregende Umgebung angeboten werden. Jede neue Erfahrung verursacht strukturelle Veränderungen (Wegkreuzungen, Abzweigungen) welche bestehen bleiben. Bei einem späteren ähnlichen Erlebnis greift der Mensch automatisch auf die Grundlage (Strassenkarte) zurück und kann so rascher Lernen. Das Sprichwort „Übung macht den Meister!“ ist wissenschaftlich erhärtet.

100 Mio. Buchstaben in zehn Jahren

Damit jemand seine Gedanken mühelos und fast vollautomatisch in Sprachhandlungen umsetzen kann, muss sichergestellt sein, dass er Hunderttausende Eindrücke gewinnen kann. Dies geschieht durch Zuhören, Sprechen und Lesen. Eindrücke entstehen durch Laute, Silben, Wörter, Bedeutungen und Grammatik. Durch Lesen produzieren wir Bedeutung. Wer täglich 10 Seiten liest, hat in 10 Jahren etwa 100 Millionen Buchstaben wahrgenommen! Weil es sich beim Sprechen und Sprachverstehen um die schnellsten und rechenintensivsten Prozesse im Gehirn handelt, lohnt es sich, hier zu trainieren und zu investieren. Ein Kind, das die Sprache nicht richtig versteht, wird eine Leseschwäche entwickeln und beim Lernen anderer Inhalte

 

hinterherhinken. Professor Spitzer fordert deshalb Deutsch als Eingangsvoraussetzung für die Primarschule. Wer nichts versteht, so Spitzer, der langweilt sich, vertreibt seine Zeit mit Unfug und stört somit auch das Lernen anderer. Darüber lohnt es sich nachzudenken. Aus Sicht der Primarschule macht es deshalb Sinn, Geld in die Sprachförderung im Kindergarten und der Spielgruppe zu investieren.

 


Stolz und Freude als Lernmotoren

Wird in obiger Abbildung Belohnung durch Strafe oder Spass durch Angst ersetzt, dann wird aus diesem virtuosen Kreis des Lernens ein Teufelskreis. Jeder weiss aus dem Alltag, dass mit Spass einfacher und erfolgreicher gelernt wird. Dies hat damit zu tun, dass beim Lernen nicht nur das so genannte Grosshirn aktiv ist, sondern auch die Alarmzentrale (Limbische System) ihren Teil zum Erfolg beiträgt. Fürchtet sich das Kind vor Strafe, so stört die Aktivität der Alarmzentrale das Kind. Sie signalisiert Flucht, doch kann das Kind nicht ausweichen und muss die Situation aussitzen. Deshalb ist es wichtig, dass die verantwortlichen Lehrer und Eltern den virtuosen Kreis stets vor Augen haben. Wer selber lernen will, denke an die Belohnung! Geld als Motivationsspritze verliere innert kürzester Zeit seine Wirkung. Für langzeitigen Erfolg empfahl er, die Aufmerksamkeit auf den Stolz zu richten. Stolz als soziale Emotion, die sagen will: schaut her, ich kann’s!“. Dass Stolz Menschen befähigt, bei widrigen Aufgaben durchzuhalten, wurde empirisch nachgewiesen. Wem Neurowissenschaften zu komplex sind, der kann diese Aussagen an der Primarschule Balgach beobachten. Bei Schulbesuchen oder Theaterauftritten ist klar ersichtlich, wie Stolz und Spass das Selbstvertrauen der Kinder stärken und somit ausgezeichnete Leistungen möglich werden. Ein vom Fach begeisterter Lehrer, der gelegentlich lobt und vielleicht auch einmal einen netten Blick für die Schüler übrig hat, lässt die virtuosen Kreise leben. Dasselbe gilt nicht nur in der Schule, sondern auch zuhause und für alle Lebenssituationen.

Reto Wambach